Donnerstag, Mai 02, 2013

Pornobalken

In der Ecke des Wohnzimmers hat sie nun ihren Platz gefunden, die über 30 Jahre alte Sitzschale, bis vor kurzem noch Bestandteil der Haupttribüne des Georg Melches Stadion in Essen. Der Fernseher ist ausgeschaltet, im Hintergrund singen Heart "Alone" und ein letztes Bier ward geöffnet. 
Es ist Ruhe eingekehrt, nachdem nun auch die Berichterstattung des zweiten Halbfinales der diesjährigen Champions League Saison geendet hat. Das Finale steht fest, der BVB und die Bayern werden dem Deutschen Fußball die Fußballkrone Europas bescheren. Was jetzt nichts an der Einsamkeit ändert, sicher aber an der schon seit einiger Zeit hyperventilierenden Berichterstattung über den hiesigen Fußball. 
Scheinbar haben sich die Medien an uns Fans abgearbeitet, die Frontberichte wirken nicht mehr ganz so martialisch. Wehe aber, ein Mitarbeiter eines Sportsenders kehrt wieder auf einen Trainerstuhl zurück. So erlebt im Falle eines Peter Neururer. Tagelang hatte sein Haussender das eh schon karge Programm noch weiter reduziert: Zwischen Verkauf und unlustiger Lust kam der Peter. Als Thema natürlich. Wer aber nicht im selbigen und somit in Kenntnis darüber war, dass Peter Neururer lediglich einen abstiegsbedrohten Zweitligisten für den Rest der Saison übernehmen wird, hatte nur die Wahl zwischen Nachruf und Papst. 
Als sich die Nachrichtenlage wieder etwas beruhigt hatte, sickerten weitere Nachrichten durch, welche die Bundesliga, einst mediales Lieblingskind, fast zur Persona non grata erklärte! Erklären musste: Zwei Deutsche Teilnehmer im Halbfinale der Champions League. Zudem Wechselabsichten, Weschselankündigungen und Wechselungereimtheiten zwischen München und Dortmund. Ganz nebenbei nun auch zum Deutschen El Clasico` erklärt. 
Es gab wichtigeres, als über eine profane Bundesliga Saison oder den heimischen Pokalwettbewerb zu berichten. Ja und dann wechselt auch noch unverhofft ein Spieler des BVB in der nächsten Saison an die Isar. Nicht nur der juvenilen Bettwäsche wegen. Geht es plötzlich für einen um die Wurst, der selbige doch sonst produziert. Mario Götze und Uli Hoeneß brachten den schon siedenden Nachrichtentopf zum Überkochen. Man kam nicht mehr vorbei am Fußball, der doch reduziert wurde auf zwei Vereine, seine Spieler und einen Zocker. Talkshows schmissen ihr Programm um, wir twitterten und posteten bei Facebook, was das Zeug hielt. 
Der Fußball hielt einem in Atem, lenkte ab. Auch wenn es außerhalb der beiden schon erwähnten Vereine und ihrer Protagonisten kaum erwähnenswertes zu geben schien. Einmal abgesehen von der Tatsache, man ist Fußballlehrer im Wartestand und Experte bei einem gelegentlich Sport sendenden Sportsender! Der Finaleinzug des VfB Stuttgart, die Viertelfinalpleite des RWE auf dem Acker von Hönnepel - Niedermörmter, der immer konzentrierter werdende Aufstiegskampf in der Dritten Liga, das Aufbäumen des FC Augsburg oder das Duell der ersten Fußballklubs aus Köln und Kaiserslautern um Platz drei und die Relegation. Alles in den Hintergrund gedrängt. 
Obwohl, dem Aufstieg der Braunschweiger Eintracht wurde einiges an Aufmerksamkeit gewidmet. Proportional betrachtet sogar mehr, als dem der Berliner Hertha. Aber klar, Hertha BSC steigt regelmässig in die Bundesliga auf und dann wieder ab, der BTSV Eintracht nur alle 28 Jahre. Ergibt für den Moment die besseren Schlagzeilen, die bessere Quote. 
Was erschwerend natürlich für all die anderen Vereine hinzu kam: Der BVB und der FC Bayern boten einen Fußball, der bisweilen schöner kaum sein konnte. Zudem Spannung, welche dem abgestandenen Malaga Eisbecher zu neuer Blüte verhalf. Geile Spiele, die uns da geboten wurden. Und wenn es dann drohte, wieder zu einsam zu werden, verhalfen der FC Basel und die Tottenham Hotspurs dazu, zwei weitere Abende in Anbetracht faszinierenden Fußballs herumzubekommen. Wenn auch eine Etage unterhalb der Champions League. 
Wir fassen zusammen: Mit Fußball ist man etwas weniger einsam, Fußball beschert grandiose Stunden und wunderbar spannende Spiele. Über Fußball lässt sich immer und überall reden. Scheinbar besonders in diesen Tagen. Fußball wird aber durch die Medien dermaßen ausgeschlachtet, so dass sich der ganz normale Fan zwischendurch zu fragen hat, ob noch wichtich auf´m Platz oder nur in den Nachrichten. 
Und nun das Deutsche Finale in Wembley. Wir werden in den nächsten 25 Tagen alles, wirklich alles aus Dortmund und München erfahren. Ob Extensions bei Matthias Sammer oder Zahnreinigung bei Jürgen Klopp: Nun wird alles offen gelegt, was wir noch nie wissen wollten. Fußball wird Boulevard. Ach ja, Fußball wird aber auch noch gespielt. In Essen, in Nordhorn, in Liverpool.Und er lenkt ab. Wie gesagt.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo ISdT,

das mit dem Pornobalken habe ich vielleicht nicht so ganz verstanden. Aber möglicherweise sollte man den fraglichen schwarzen Strich über weite Teile der medialen Berichterstattung legen. Ungünstigerweise macht der Balken oft erst recht begierig auf das profan Unverhüllte.
Hm, naja, glücklicherweise wären wir alle ja mit etwas Willensanstrengung noch immer in der Lage, uns den Medien auf die eine oder andere Weise zu entziehen. Das "Abschaltknopf"-Prinzip zu nutzen ist eben, wie hier im Blog ja auch an andere Stelle augenzwinkernd fokussiert, ins Stadion zu gehen und mal das Smartphone zu Hause zu lassen. Wenn der kalte Entzug nachlässt, ist die Qualität wirklich nachhaltiger.
Dann kann uns auch der Balken mal. Was wir gar nicht mitkriegen, kann uns auch nicht heiß machen.

Im Schatten der Tribüne hat gesagt…

Hallo Anonym,

Danke für Deinen schönen und treffenden Kommentar. (Und auch dafür, schon früher auf ISDT gelesen zu haben)

Der Titel "Pornobalken" ward schon etwas eher geboren und bezog sich auf die umgangssprachliche Begrifflichkeit des Schnäuzers, welcher von Peter Neururer mit einer einzigartigen Lässigkeit, stets entgegen jeden Trend, getragen wird.

Da ich aber immer nur aus dem "Bauch heraus" schreiben kann, kam mir dann ja noch der Abriss unseres Stadions in die Quere, bevor dann der mediale Zirkus erst richtig losging.

In Zeiten von Überschriftenknappheit, habe ich es aber dann dabei belassen, um diesen Post weiterhin Peter Neururer zu "widmen". Zum Glück blieben befürchtete horizontale Spams und "Follower" im Nachgang aus.

"Was wir nicht mitkriegen....." Das ist wohl so.